Merkmale für Sekten und sektiererisches Verhalten

27. Dezember 2008 | Von | Kategorie: Die Anti-Sekten Szene

Der Begriff der Sekte besitzt heute eigentlich für alle Menschen einen sehr unsympathischen Beigeschmack. Es gibt wohl niemanden, der gerne als Sektierer gelten, oder als Sektenmitglied bezeichnet werden möchte.

Auf der anderen Seite existieren kaum klare Vorstellungen darüber, was denn nun wirklich unter einer Sekte oder einem sektiererisches Verhalten zu verstehen sei. Es handelt sich aufgrund fehlender Vorstellungen und Definitionen immer noch um einen relativ vagen Begriff, der allerdings stark mit allerlei Ängsten und Stimmungen aufgeladen ist. Ähnlich wie im Mittelalter der Begriff des „Ketzers“ wird heute die Bezeichnung Sekte recht umfassend für alles verwendet, was in irgendeiner Weise nicht die Zustimmung der etablierten Kirchen und Institutionen erhält. Darüber hinaus wird er auch vielfach als Mittel der Ausgrenzung, der Diffamierung oder allgemein als Kampfmittel gegen unliebsame Menschen und Bewegungen im religiös-spirituellen Bereich eingesetzt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein kleiner Vergleich mit einem ganz anderen kulturellen Hintergrund, wie wir ihn beispielsweise in den USA vorfinden. Dort gilt die Frage, „Bei welcher Sekte bist denn du?“ als etwas ganz Selbstverständliches und Natürliches, während in Mitteleuropa und besonders in Deutschland schon die Frage nach der politischen Orientierung oder die Frage nach der Konfession, (katholisch oder evangelisch?) als indiskret gilt. Es besteht eine tiefverwurzelte und zumeist unbewusste Abwehr gegen diese Art Klassifizierung, und natürlich auch eine gewisse Angst vor den Folgen und Repressalien, die daraus erwachsen könnten. Die Erfahrung, dass die „falsche“ Weltanschauung oder die „falsche“ Gesinnung zu millionenfachen Foltern und Leiden bis hin zum Tode führen, hat sich über die Jahrhunderte mitteleuropäischer (Kirchen)-Geschichte sicherlich tief in das kollektive Bewusstsein unserer Kultur eingegraben.

Bei aller Tragik für den sozialen Frieden, die durch den Kampf der Religionen und Weltanschauungen entsteht, erscheint es für das Thema unserer Webseite aber weniger bedeutungsvoll, ob sich die eine Konfession mit der anderen bekriegt oder die eine weltanschauliche Einrichtung sich gegenüber einer anderen behaupten möchte. Wenn aber der Einzelne aufgrund seiner Wahrheitssuche, aufgrund seines Strebens nach wissenschaftlicher Erkenntnis oder moralischer Vervollkommnung sich aus den kollektiven Forderungen des jeweiligen Zeitgeistes herausentwickelt und deshalb mithilfe des Sektenbegriffs ausgegrenzt und verfolgt wird, so ist dies für die Frage des Selbstwerdens und der Freiheit des Einzelnen von entscheidender Bedeutung, denn gerade diese Ausgrenzung trägt wieder zur weiteren Entwicklung und Vervollkommnung bei.

Häufig werden im Kampf der Meinungen und Weltanschauungen, vor allem von den kirchlichen Sektenbeauftragten sogenannte Sektenpunkte angeführt, die dann dem ahnungslosen Bürger als Erkennungsmerkmale für Sekten dienen sollen (Zum Beispiel hier gibts sogar einen Fiebermesser der Sektenhaftigkeit!).

Nicht selten werden diese Punkte zur Abwertung und Bekämpfung von Einrichtungen und zu schrecklicher Erniedrigung von Menschen und ihren Idealen verwendet. Sie entbehren jeglicher wirklichen inneren Logik und haben das Niveau eines der üblichen 5 Minuten Persönlichkeits- oder Intelligenztests.

Die im folgenden angeführten 10 Punkte dienen aber schon von der Art und Weise, wie sie formuliert wurden, nicht primär zur Erkennung und Klassifizierung von Einrichtungen und deren Vertretern, sondern sind viel mehr zum einzelnen Individuum gesprochen. Ihr Zweck ist nicht Klassifizierung sondern Gedankenanregung zu den wesentlichen Mechanismen, die zur Entwicklung typisch sektiererischer Tendenzen führen. Ihr Motiv besteht in der Anregung eines freieren, von kollektiven Vereinnahmungen unabhängigeren Ich-Standpunktes.

Der Schreiber, Heinz Grill, ist spiritueller Lehrer und von daher selbst vielfacher Diffamierung und Verleumdung ausgesetzt. Er geht offensichtlich davon aus, dass heute eigentlich jeder Mensch, wenn er nicht in einem gesunden und individuellen Selbstbewusstsein gegründet ist, fremdbestimmt, gruppenorientiert und somit zu einem gewissen Grad sektiererisch ist. Als spiritueller Lehrer besitzt er aber auch das Anliegen, zu einer für unsere Zeit angemessenen Weiterentwicklung und moralischen Vervollkommnung beizutragen. Nach seinen Ausführungen erscheint es geradezu eine Forderung der Zeit zu sein, dass nicht nur einige wenige große Persönlichkeiten sich durch ihr Erkenntnisstreben aus diesen kollektiven Bewusstseinsformen herausentwickeln, sondern dass eigentlich jeder Einzelne geeignete Mittel und Wege findet, sich nicht mehr primär durch die Zugehörigkeit zu einem Verein, zu einer Gruppe, einer Kirche oder einem Staat zu definieren, sondern durch die Fähigkeit, aus sich (aus dem eigenen Ich) heraus schöpferisch Tätig zu werden, dem Leben Inhalte zu geben und es mit mutigen Perspektiven selbst zu gestalten.

10 Punkte zum Thema Sekten

von Heinz Grill

Die Merkmale, wie die Kirchen Sekten einteilen, sind keineswegs tolerierbar. Die Schriften, die sie verteilen, sind wahrhaftige Blutschriften, sie sind eine Verletzung der menschlichen Achtung und Würde und dienen nur zu dem Zweck, das eigene Machtregime auf eine größtmögliche Sicherheit zu bringen. In etwa 10-20 Jahren wird man die Vorgehensweise der christlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften genauso wie im Mittelalter als Bluttaten identifizieren und benennen. Das Grundmotiv ist das Gleiche, nur wird heute das Töten und die Verfolgungen auf einer psychologischen und meist auch auf einer anonymen Ebene getan.

Einige wichtige Merkmale fasse ich wie folgend zusammen:

  1. Ein sektiererisches Verhalten liegt vor, wenn man die Glaubenslehre wichtiger wertet als das Menschsein und die gegenseitige Achtung.

  2. Ein Abgleiten in irrtümliche und rein rituelle, formelle oder vitale Strukturen, die sektiererisch werden, entsteht, wenn keine praktischen Möglichkeiten, Realisierungen und keine zeitgemäße oder angemessene Seelsorge oder nachvollziehbare Lehrinhalte in die Umsetzung kommen. Die Lehre wird dann nur noch Dogma oder eine Wahrheit in einem psychischen Festhalten. Es fehlt der gelebte, praktische und integrale Bezug zur Welt.

  3. Wenn die Selbstverwirklichung und die Suche nach Wahrheit fehlen, wenn man wie Lessing sagte schon zur Rechten Gottes sitzt, so liegt ein vielleicht nicht ausgesprochener, aber dennoch für Sekten und Irrtümer charakteristischer innerer, autoritativer Wahrheitsanspruch vor. Dieser Wahrheitsanspruch entwickelt sich allzu leicht im Christentum, aber auch im Yoga. Der Glaube wird nicht mehr durch die immerwährende Erkenntnissuche und die schöpferische Hingabe wie auch Dienstbereitschaft belebt. Gespräche im lebendigen Austausch sind dann nicht mehr möglich, da der Autoritätsanspruch wie eine vitale Macht nach innen in die Psyche verlagert ist. Dieses häufige Phänomen finden wir bei den meisten Christen. (Wir finden es leider auch bei uns an der Yogaschule.)

  4. Die psychologisch-materialistische Geisteshaltung der westlichen Kultur führt zu einem Benützen der höchsten religiösen Wahrheiten für einen rein eigennützigen Zweck. Viele Menschen geben sich Gott hin, um einen Ersatz für ein misslungenes Leben zu erhalten. Die psychologisch-materialistische Gesinnung ist vor allen Dingen daran zu erkennen, wenn man das Evangelium oder eine andere Schrift zum Argumentieren benützt.

  5. Emotionale, vitale Glaubensformen entstehen, wenn das Gottesideal und Heilige in ihrer persönlichen Gestalt relativiert werden. Das Leben und Werk von Heiligen und Eingeweihten ist anders und kann nicht einfach nachgelebt werden. Sektiererei entsteht, wenn man nach menschlichen Maßstäben relativiert und dadurch die Einordnung in der Meditation und Ehrerbietung leugnet.

  6. Ein Verlust der Individualität entsteht als Sektenzeichen im falschen Sinne, wenn das eigene Ich Gott in einem Bekenntnis, in einer Taufe oder Initiation übergeben wird und deshalb die Erkenntnissuche wie auch die Meisterschaft über die großen Spannungen des Lebens in eine fremde Hand gleiten.

  7. Typische Sektenzeichen bzw. gefährliche Tendenzen sind es, wenn andere Glaubenslehren unter Vorgabe eines seelsorgerischen Zweckes angegriffen und verurteilt werden. Dies führt dazu, dass ein gemeinsames Gespräch unmöglich wird.

  8. Wenn wirtschaftliche oder politische oder allgemein machtvolle Interessen auf Kosten der Wahrheitssuche, der künstlerischen und ästhetischen wie auch seelsorglichen Arbeit gehen, führt der Weg unweigerlich in den Irrtum. Im Gesamten zeigen sich meist viele Widersprüche, Lügen und Manipulationen gegenüber anderen.

  9. Kritisch ist allgemein das Lehren, das des Wissens bedarf und der menschlichen Reife, Weite und Würde. Viele Irrlehren entstehen oder verstärken sich, da die Menschen heute lehren und von ihrem Bewusstsein her gar nicht befugt sind zu lehren.

  10. Schwierig und gefährlich ist es, wenn ein Lehrer bedingungslosen Gehorsam auf Kosten der Individualität und der persönlichen Freiheit des Lebens verlangt.

Diese 10 Punkte waren ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Sie wurden im Rahmen einer Yogalehrerausbildung, welche von Heinz Grill geleitet wurde, im Frühjahr 1996 als Aufgabenbrief zur Auseinandersetzung mit einem aktuellen Thema verfasst. Die Veröffentlichung auf dieser Webseite findet mit freundlicher Genehmigung des Autors unter Wahrung der Urheberrechte statt.

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Ein Kommentar auf "Merkmale für Sekten und sektiererisches Verhalten"

  1. Manfred sagt:

    Ein sehr aufschlussreiches Interview findet sich von Dr. Peter Schulte, der zwölf Jahre lang der sogenannte «Sektenbeauftragte» der Tiroler Landesregierung, war und über die staatlich organisierte Verfolgung von religiösen Minderheiten spricht:

    http://www.alpenparlament.tv/playlist/598-religioese-minderheiten-im-schussfeld-von-staat-und-gesellschaft

    „Das Thema «Sekten» ist nicht neu, auch im Mittelalter sprach die Obrigkeit von ketzerischen Bewegungen und Häretikern, welche die Menschen angeblich verderben und ins Unglück stürzen. Bekanntestes Beispiel sind die Hexenverbrennungen, sie traf besonders Frauen, die ihrer Zeit weit voraus und gerade deshalb der amtierenden Amtskirche ein Dorn im Auge waren. Die weit verbreitete Frauenfeindlichkeit der Kirche tat sein Übriges dazu.

    Was sich seit dem Mittelalter geändert hat, dass sind die Methoden der «Sektenbekämpfung». War es früher üblich, so genannte Ketzer einfach auf dem Scheiterhaufen bei lebendigen Leib öffentlich zu verbrennen um somit eine abschreckende Wirkung zu erzielen, so werden heute ihre Ideale und ihre Hingabe an das, was sie glauben, öffentlich in Frage gestellt und lächerlich gemacht. Dass hier die Amtkirchen besonders eifrig am Werke und maßgeblich an diesen Diffamierungskampagnen beteiligt sind, sollte jeden aufrechten Christen empören. Denn steht nicht in der Bibel, dasas Gott alle Menschen gleich geschaffen hat? Und haben wir heutzutage nicht Menschenrechte, Religionsfreiheit, das Recht auf freie Religionsausübung oder gar das Recht, keinem Glauben anzugehören?»

    Auch Mitglieder so genannter Sekten sind Träger von Grundrechten, wie ein Amtskollege aus einer deutschen Ministerialabteilung Peter Schulte einmal hinter vorgehaltener Hand erklärte. In unserer Gesellschaft haben offenbar nur die Mitglieder von Amtskirchen das Recht auf freie Religionsausübung…“

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